
„Ich bin fünf Jahre lang mit meinem Mann und unseren drei Kindern durchs Mittelmeer gesegelt.“ Helene nippt an ihrem Rotwein und schaut versonnen von meiner Terrasse auf die Schiffe, die gerade den Fluss hoch stampfen. Sie ist Französin und etwa Mitte fünfzig.
„Wie habt ihr das denn mit den Kindern gemacht, die konnten doch nicht zur Schule gehen?“ frage ich.
„Manchmal im Winter lagen wir einige Wochen irgendwo vor Anker, dann gingen sie dort in die Schule, sonst habe ich sie unterrichtet.“
„Was ist aus ihnen geworden?“
„Meine Tochter ist in den USA verheiratet, sie haben eine Pferdezucht. Mein älterer Sohn ist Geschäftsmann und reist für seine Firma durch die Welt. Mein jüngerer Sohn ist Arzt in Paris.“
Heute handelt Helene mit Stoffen und Schmuck, die sie auf Reisen einkauft. Ihr derzeitiger Lebensgefährte, Alain, ist Kanadier und etwas über sechzig.
„Was machst Du denn beruflich?“ frage ich.
„Ich segle Schiffe zurück.“ Er sieht meinen erstaunten Blick und ergänzt: „Einige Yachtbesitzer machen alleine oder mit Freunden Segelturns in die Südsee, die Karibik oder sonstwohin. Sie haben nicht die Zeit, das Schiff die gleiche Strecke wieder zurück zu segeln. Also mache ich das.“ Früher war er angestellter Ingenieur, dann fand er diese Marktlücke und quittierte seinen Job.
„Verdient man gut damit?“
„Von vier Rücktransporten pro Jahr kann ich leben. Einer dauert etwa einen Monat.“
Vier Monate im Jahr arbeiten und den Rest der Zeit davon leben. Ich muss irgendwas falsch gemacht haben, denke ich mir.
Maria steht in meiner Küche und schneidet gerade Kartoffelstücke in die Pfanne, in der bereits Speckwürfel braten. Gleich kommen noch ein paar Eier dazu. Meine kambodschanische Haushälterin, die zufällig heute da ist, obwohl sie eigentlich samstags frei hat, steht in einiger Entfernung und schaut voll Neugier aber auch mit Skepsis zu.
„Wir Russen brauchen ein kräftiges Frühstück“ sagt Maria zu mir.
Ich bin heute Gast in meiner eigenen Wohnung. Sie haben darauf bestanden, an meinem arbeitsfreien Tag die Rollen zu tauschen. Sergej hat den Tisch mit dem sonst üblichen gedeckt: Brot, Butter, Marmelade, Käse, Wurst, Schinken, Obst, Cornflakes, Orangensaft, Kaffee und Tee.
Sie kamen zwei Tage vorher mit ziemlich dreckigen Rucksäcken an. Holten als erstes einen Laptop raus und fragten, ob ich wireless, also drahtloses Internet, hätte. Habe ich. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Sie sind Mitte Zwanzig, leben in Moskau und schreiben von unterwegs Artikel für russische Reisemagazine. Damit verdienen sie ihr Geld.
Zum erstenmal in meinem Leben unterhalte ich mich länger mit jungen Russen. Den Wodka, den ich am Abend zuvor auf den Tisch gestellt hatte, rührten sie nicht an. Dafür kopieren sie sich "Plan B" und noch einige andere CD‘s, die meine Töchter dagelassen haben, auf ihren iPod. Als Frühstücksmusik legt Sergej ein Klavierkonzert von Rachmaninov auf. Mein Bild von Russland war irgendwo zwischen Sozialismus, Gorbatschow und Korruption stecken geblieben. Sie entstauben es schnell mit ihrer weltgewandten Frische.
Viktor ist aus Budapest. Von Beruf Gartenbauer hat er im Winter viel Zeit zum Reisen. Wir sitzen in einer der Kneipen auf der Riverside und schauen uns die vorbei flanierenden Touristen an. Plötzlich fragt er unvermittelt:
„Du könntest doch eigentlich vom Alter her ein Hippie gewesen sein?“
„Mmmm, ja, schon“ murmle ich etwas vage.
Er hat „Woodstock“ mindestens zehnmal gesehen, er kennt, obwohl damals noch gar nicht geboren, „Easy Rider“, „The Doors“ und die einschlägigen Filme über den Vietnamkrieg wie „Platoon“ oder „Apocalypse now“. Und er liebt „Forest Gump“.
Ich werde sein befragter Zeitzeuge. Erzähle von meinem Tripp Anfang der 70er Jahre im VW-Bus nach Indien und Nepal, von den Studentenunruhen und Anti-Vietnam-Krieg Demonstrationen in Berlin, von den Nächten mit Rock-Musik in Diskotheken, wo der Haschischqualm dick in der Luft hing.
Auch er schreibt. Für ein ungarisches Magazin. Ein paar Wochen später schickt er mir per email einen Artikel zu, den er über diesen Abend geschrieben hat. Auf Ungarisch. Vielleicht besser, dass ich ihn nicht lesen kann.
Alle diese Leute besuchen mich über den Hospitality Club, dem ich seit zwei Jahren angehöre. Eine Bekannte hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Man registriert sich kostenlos und ist dann Teil eines weltweiten Netzwerkes von 228 Ländern mit 650.000 Mitgliedern . Sechs davon sogar in der Antarktis. Für einen selbst heisst das, man hat eine Internetseite, die nur Mitgliedern zugänglich ist, in der man sich vorstellt und in der man auch deutlich macht, was man anzubieten gewillt ist: ein einfaches Treffen, eine Einladung zum Essen, eine Ortsführung oder Übernachtungsmöglichkeiten. Es steht jedem frei. Und Gleiches kann man von allen anderen Mitgliedern gegebenenfalls auch in Anspruch nehmen. Absagen ohne Angabe von Gründen sind natürlich möglich.
Die gute alte Gastfreundschaft, die früher als heilig galt und dem Durchreisenden geboten wurde, hier kann man sie wieder üben. Man öffnet seine Türe und begegnet Menschen. Und unterhaltsamer als Fernsehen ist es in der Regel auch. Übermorgen kommt Pjotr aus Polen mit seiner Freundin Alina. Ich weiss nichts über die beiden, nicht mal wie alt sie sind, aber das wird sich ändern. Danach haben sich zwei junge Amerikanerinnen im Alter meiner Töchter angesagt. Emily schrieb mir, sie hat fünf Jahre Gesang studiert und singt, neben ihrem Job als Lehrerin in Connecticut, kleine Rollen in Opern. Ihre Freundin Gisele ist Bankangestellte in San Francisco, hat am selben Tag Geburtstag wie ich und soeben erfolgreich den Kilimanjaro bestiegen. Ich bin sehr auf die Erzählungen der beiden gespannt.
Und für die Vorsichtigen oder Ängstlichen: bei all den fremden Besuchern war nicht ein schwarzes Schaf dabei. Nichts ist bisher geklaut worden, nichts ging zu Bruch. Und eines bleibt neben einer kurzen Begegnung oder neuen Freundschaft auch noch: ein individuell gestalteter Eintrag ins Gästebuch.
http://www.hospitalityclub.org