
Der Montagmorgen fängt im Büro immer locker an: wir frühstücken alle zusammen, sitzen, wie es auf gut Deutsch heisst, im Meeting Room, trinken Kaffee und essen Croissants, deren Herstellung in passabler Qualität die französische Kolonialzeit als Erbe hinterlassen hat.
“Wie war das Wochenende?” frage ich in die Runde.
Keat verzieht das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Auf meinen fragenden Blick kommt nur ein Wort: “Hochzeiten!” Ich schaue die anderen an, fast bei allen derselbe Ausdruck.
Ich weiss inzwischen, was sie meinen. Zur Zeit ist wieder Hochsaison für’s Heiraten. Es ist Trockenzeit und für tropische Verhältnisse noch relativ kühl, zumindest am Abend…obwohl ein Mitteleuropäer die 28 C vermutlich nicht unter kühl einordnen würde.
Als ich vor ein paar Jahren zum erstenmal auf eine Hochzeit eingeladen werde – die unserer Sekretärin – da fühle ich mich hoch geehrt. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Umschlag mit meinem Namen in goldenen Lettern drauf und drinnen steckt eine prunkvolle Einladung, eine Seite in Khmer, die andere in Englisch, alles in Golddruck.
Ich frage einen einheimischen Freund, wie ich mich verhalten solle und ob es eine Geschenke-Liste gäbe, wie bei uns meistens üblich.
“Nein”, sagt er “Du steckst Geld in den Umschlag, in dem die Einladung drin war, und gibst ihn am Eingang ab.”
“Wieviel Geld?” frage ich.
Und dann folgt ein unvergessener Dialog.
“Sie ist Sekretärin bei euch im Büro?”
“Ja”.
“Bist Du ihr Boss?”
“Ja”.
Er zögert etwas. “Bist Du der Boss von allen?”
“Schon”, erwidere ich etwas verunsichert.
Er holt Luft und sagt dann: “Das ist teuer!”
”Wie teuer?”
Er kratzt sich am Kopf, nimmt einen Schluck Bier “Also 50 Dollar solltest Du auf jeden Fall reinstecken.”
Ich beschliesse 100 Dollar zu geben, schliesslich steht mein Name auf dem Couvert und ihre Verwandtschaft soll ja nicht denken, ihr Boss sei ein Knauser.
Ich mache es kurz. Wieviele Gäste, glauben Sie, werden auf der Hochzeit meiner Sekretärin erscheinen, die aus keiner reichen Familie stammt? Die zwar für hiesige Verhältnisse gut verdient, in Österreich aber ein Gehalt irgendwo unterhalb der Sozialhilfe hätte.
Also, wie viele? Falsch! Es werden 850 (achthundertfünfzig) Festgäste sein. Sie meinen, soviele Leute würden Sie selbst gar nicht kennen? Stimmt. Meine Sekretärin übrigens auch nicht.
Und damit zurück zum gequälten Lächeln meiner Kollegen an diesem Montagmorgen. Man feiert hier Hochzeiten nicht im Kreis seiner Freunde und Verwandten, sondern lädt jeden ein, mit dem man irgendwann schon mal etwas zu tun hatte, oder mit dem der Vater, die Tante, der Bruder und ich weiss nicht wer, in irgendeinem Zusammenhang steht.
Die Einladung, einmal beim Empfänger angekommen, ist verpflichtend. Es gibt kein einfaches Ignorieren, will man die Sitten des Landes nicht grob verletzen. Auch nicht, wenn man die Person nur einmal irgendwo kurz getroffen hat und sich kaum an sie erinnern kann.
Aber es gibt immerhin zwei Möglichkeiten: man geht hin, gibt den Umschlag ab – wobei es einem passieren kann, dass er sofort geöffnet und der Name des Spenders sowie die Summe laut in die Runde gerufen wird. Transparenz in einem Land, in dem sonst in finanziellen Angelegenheiten eher das Gegenteil üblich ist…in Sachen Korruption behauptet Kambodscha weltweit einen der Spitzenplätze.
Die andere Möglichkeit ist, sich wegen dringender anderer Verpflichtungen zu entschuldigen und den Umschlag zuzuschicken. Die volle Höhe, versteht sich, auch wenn man am Essen und der Festivität nicht teilnimmt.
Meinen Kollegen passiert es nicht selten, dass sie an einem Wochenende auf drei Hochzeiten eingeladen sind. Und da man auf mehreren bekanntlich nicht gleichzeitig tanzen kann, gehen sie auf eine und schicken auf die anderen die gefüllten Couverts. Die nächsten drei Monate bis zur rettenden Regenzeit sind ein Desaster für die Haushaltskasse jeden Kambodschaners.
"Warum macht ihr das eigentlich, wenn ihr euch alle dabei ruiniert?" frage ich.
Ein Schulterzucken zum gequälten Lächeln: "Ist halt einfach so üblich bei uns!"
Und wer jetzt denkt, man leiste ja wenigstens einen Beitrag, um einem jungen Paar bei der Gründung ihres Hausstandes zu helfen, der irrt sich leider.
Die Feierlichkeiten finden in riesigen Festsälen statt, die für solche Massen eingerichtet sind. Über die Gemütlichkeit bei Neonlicht und ohrenbetäubender Live Musik, die jede Unterhaltung an den runden 10 Personen Tischen unmöglich macht, kann man geteilter Meinung sein.
Das Geld, das eingenommen wird, reicht in der Regel gerade aus, um die Unkosten zu decken. Und das kann bereits die erste Belastungsprobe in die junge Ehe bringen: die eine Familie des Paares ist nämlich für die Einladungen zuständig, die andere für die Organisation des Festes. Und wenn die Kasse am Ende ein Minus aufweist, dann behauptet die eine Seite, zuwenig Gäste seien mobilisiert worden, während die andere die zu teure Organisation als Schuldursache sieht.
Und noch eines: das Essen hat mehrere Gänge, die auf eine Drehscheibe gestellt werden und mengenmässig genau auf die Zahl der Gäste am Tisch berechnet ist. In der Mitte steht dann das Objekt der (männlichen) Begierde: eine Flasche Whiskey eines bestimmten Labels. Der älteste am Tisch (nicht selten ich) muss nun den Ausschank übernehmen und alle (männlichen) Gläser (die Frauen trinken stilles Wasser) permanent nachfüllen. Sobald die Flasche leer ist, wird eine volle daneben gestellt.
Sie ahnen es vermutlich schon: es gilt als Prestige, eine möglichst grosse Flaschensammlung in der Tischmitte vorzeigen zu können. Und eigentlich ist es ja auch die einzige Art, wie man seinen Beitrag wieder “rein" kriegen kann.
In den Fällen, in denen ich der Älteste bin, delegiere ich den Ausschank höflich an den nächsten Einheimischen weiter. Mit der durch die Musik gebrüllten Begründung, ich sei noch zu wenig mit den Sitten des Landes vertraut…und mein Glas bleibt nach dem zweiten Schluck gefüllt für den Rest des Abends vor mir stehen.
Auf der Einladung stand 17 Uhr…aber da sitzen die meisten Frauen noch im Beauty Salon und lassen sich die Haare und das Make-up machen. Vor 18:30 Uhr kommen nur die, die keine Ahnung haben. So wie ich. Aber immerhin genug Zeit in Ruhe das Brautpaar zu fotografieren.

Zur Begrüssung der Gäste ist die Braut noch in Gold…

…und der Saal (sichtbar nur ein kleiner Teil davon) noch leer.
Aber irgendwann füllt er sich und nach dem Bier als Aperitif kommen nun endlich auch das Essen und der Whiskey…

Schliesslich tritt die Queen des Abends auf…

…mit ihren Brautjungfern…

…unverheiratet sind sie noch…aber ihre Träume kann man erahnen.
Siebenmal muss das Paar um die Hochzeitstorte wandern, erst dann ist die Ehe endgültig geschlossen. Ein Dankesgruss, als es geschafft ist…

…und die Reaktion der Festgäste darauf…

..."Luftschlangen" und "Konfetti" aus Sprühdosen...

...so sieht es dann anschliessend aus.
Danach beginnt der Tanz zur Musik der Live Band, die schmalzigen Khmer Pop dröhnend laut spielt...aber da bin ich schon weg.
Ach, und wenn Sie mal ein paar Freunde, die nicht eingeladen sind, mitbringen möchten: jederzeit gerne...Sie wissen ja...der Umschlag!